Die Novellierung des Verbraucherkreditgesetzes wird als Forschritt des Verbraucherschutzes gefeiert. Tatsächlich bringt das Gesetz keine Verbesserung. Es ist eine stumpfe Waffe und bedeutet für Privatleute eher Stillstand oder Rückschritt.
04. Juli 2010 Die Zinsen für Eigenheimkredite sind im Keller. Darlehen mit zehnjähriger Zinsbindung kosten im Augenblick etwa 3,5 Prozent jährlich. Das sind traumhafte Konditionen, so dass es auf der Hand liegt, den Traum vom Eigenheim so bald wie möglich in die Tat umzusetzen. Hilfe bei der Auswahl des besten Kredites soll die neue Verbraucherkreditrichtlinie bieten. Sie ist seit dem 11. Juni deutsches Gesetz und wird vom Bundesjustizministerium als Fortschritt des Verbraucherschutzes gefeiert. Tatsächlich bedeutet das neue Gesetz für Privatleute eher Stillstand oder Rückschritt. Das machen drei Beispiele deutlich.
Ein Bauherr benötigt 100.000 Euro. Die Zinsbindung soll zehn Jahre betragen. Das bedeutet zurzeit einen Sollzins von 3,5 Prozent. Die anfängliche Tilgung beträgt ein Prozent. Das führt zu monatlichen Raten von 375 Euro. Die Restschuld in zehn Jahren wird, wenn die Zinsen und die Tilgung monatlich verrechnet werden, bei 88.047 Euro liegen. Damit kostet der Kredit nach den Gesetzen der Finanzmathematik jährlich 3,556695 Prozent, und diese Zahl, hinter dem Komma auf zwei Stellen gerundet, mussten die Kreditgeber bisher nennen. Mit den eindeutigen 3,56 Prozent ist jetzt Schluss.
Die Marschrichtung der Banken
Nun will der Gesetzgeber, dass die Banken den Effektivzins für die gesamte Laufzeit nennen. Das führt in der Praxis zu Problemen, weil die Kreditgeber nach Ende der Zinsbindung einen fiktiven Anschlusszins unterstellen müssen. Hierfür gibt es keine Vorschriften, so dass der Manipulation Tür und Tor geöffnet sind. Bei einem Folgezins von 3,5 Prozent beträgt der Effektivzins weiterhin 3,56 Prozent. Steigt der Anschlusszins auf 4 Prozent im Jahr, kommen 3,83 Prozent heraus, und sinkt der jährliche Prolongationszins auf 3 Prozent, können 3,30 Prozent genannt werden.
Beim scharfen Wettbewerb unter Banken ist nicht viel Phantasie nötig, um die Marschrichtung zu ahnen. Sie werden mit niedrigen Anschlusszinsen kalkulieren, so dass der Effektivzins unter den Nominalzins fällt. Für diesen Unfug sind nicht die Banken verantwortlich, sondern der Gesetzgeber. Der Effektivzins ist künftig nicht mehr zu gebrauchen. Um so mehr sollten sich Kreditnehmer vor der Aufnahme von Geld genau überlegen, was wichtig ist: Erstens ist die Dauer der Rückzahlung zu klären. Zinsen von 3,5 Prozent und Tilgungen von einem Prozent führen zu Laufzeiten von 43 Jahren. Wer aber innerhalb von 20 Jahren tilgen will, muss mit einer Tilgung von 3,5 Prozent loslegen. Zweitens muss die Art der Rückzahlung festgelegt werden: Bank, Bausparkasse oder Versicherung? Drittens ist die Dauer der Zinsbindung festzulegen: variabel, fünf Jahre, zehn Jahre oder 15 Jahre? Nur wenn auf alle Fragen klare Antworten gefunden sind, lassen sich mit dem Effektivzins Angebote vergleichen.
Das wird zum Beispiel bei Krediten deutlich, die mit Hilfe von Bausparverträgen getilgt werden. Hier mussten die Anbieter in der Vergangenheit keine Angaben machen, wie hoch die Kosten der Kombination sind. Diese Lücke schließt das neue Gesetz nicht. Damit besteht weiterhin die Gefahr, dass die Verbraucher hinters Licht geführt werden. Festdarlehen mit Bausparverträgen sind meist teurer als Kredite mit direkter Rückzahlung. Das kommt freilich nur ans Licht, wenn der richtige Effektivzins berechnet wird.
Festdarlehen mit Zinsbindung von 7,5 Jahren kosten zur Zeit nominal 3,5 Prozent. Das führt bei einem Kredit von 100.000 Euro zu 90 Raten à 292 Euro. Im selben Zeitraum sind bei der Bausparkasse monatliche Raten von 550 Euro einzuzahlen. Danach wird der Bausparkredit zugeteilt, und die Schulden werden in weiteren 7,5 Jahren mit Monatsraten von jeweils 634 Euro zurückgezahlt. Folglich besteht der Zahlungsstrom aus 90 Raten à 842 Euro und 90 Raten à 634 Euro. Das macht unter dem Strich effektiv 4,34 Prozent, doch auf diese Mitteilung müssen die Verbraucher auch künftig verzichten.
Das Ergebnis für den Anleger ist heftig
Die Lobby der Bausparkassen hat es wieder einmal geschafft, für diese Kombinationen keinen Effektivzins angeben zu müssen. Stattdessen reicht es aus, den Wert für den Festkredit und die Zahl für den Bausparkredit zu nennen, doch diese Hinweise kann der Verbraucher in den Mülleimer stecken. Sie sind nur für die Bausparkassen wertvoll. Sonst bestünde die Gefahr, dass Verbraucher sich erkundigen, was ein Darlehen kostet, das bei festem Zins innerhalb von 15 Jahren zurückgezahlt wird. Das sind zurzeit etwa 4 Prozent. Folglich liegt der Effektivzins bei 4,07 Prozent im Jahr, und die Moral von der Geschichte lautet: Effektivzinsen bringen nur Licht ins Dunkel, wenn die richtigen Schalter betätigt werden.
Finsternis ist zum Beispiel vorherrschend bei Festdarlehen, die mit Investmentfonds getilgt werden. Nach wie vor gibt es Zocker, die daran glauben, dass sie die Kreditzinsen mit Hilfe von Kapitalanlagen schlagen. Festdarlehen mit einer Zinsbindung von 15 Jahren kosten zurzeit rund 4 Prozent. Weil die Zinsen steuerlich nicht als Werbungskosten absetzbar sind, beträgt der Effektivzins jährlich 4,1 Prozent. Wer nun glaubt, die Tilgungen in einem Aktienfonds zu 6 Prozent anlegen zu können, sollte nachrechnen. Bei einer Rendite von 6 Prozent im Jahr sind 180 Sparraten von jeweils 348 Euro notwendig, um nach 15 Jahren auf 100.000 Euro zu kommen. In diesen Raten sind weder Kosten noch Steuern enthalten. Nun ist es kein Geheimnis, dass bei klassischen Investmentfonds drei Gebühren anfallen: Ausgabeaufschlag, Verwaltungskosten und Abgeltungsteuer. Selbst bei maßvollen Sätzen ist das Ergebnis für den Anleger heftig. Ausgabeaufschläge von 2,5 Prozent pro Rate, Verwaltungskosten von einem Prozent im Jahr und Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent auf Kursgewinne machen aus 6 Prozent 3,6 Prozent.
Das Gesetz bleibt eine stumpfe Waffe
Das Ergebnis ist katastrophal, weil die Verzinsung unter dem Kreditzins liegt und der wahre Zins bei 4,4 Prozent liegt. Das sind 30 Basispunkte mehr als die 4,1 Prozent des Tilgungsdarlehens. Selbst bei börsengehandelten Indexfonds sind die Ergebnisse ernüchternd. Ausgabeaufschläge von 0,5 Prozent im Jahr und Verwaltungskosten von 0,25 Prozent im Jahr sind Lichtblicke, doch die Abgeltungsteuer am Ende der Laufzeit drückt die Verzinsung auf 4,4 Prozent, so dass der Anleger kaum über den Kreditkosten liegt. Die Vorteile stehen aber in keinem Verhältnis zu den Risiken, so dass sich die Geschichte in der Regel nicht lohnt.
Die Gebühren bleiben trotz des neuen Verbraucherkreditgesetzes im Dunkeln, und es sind auch keine Anzeichen erkennbar, dass sich daran viel ändern wird. Das Gesetz bleibt eine stumpfe Waffe. Die Anbieter müssen keine Folgen befürchten, wenn sie "falsch" rechnen sollten.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen. Von Volker Loomann Text: F.A.Z. Bildmaterial: F.A.Z.-Kai
Private Schulden
So kommen Verbraucher aus der Dispo-Falle
Von Harald Czycholl
Viele Bürger überbrücken am Monatsende ihr überzogenes Konto mit einem Dispokredit. Teurer geht es kaum. Banken nehmen für Dispokredite bis zu 14 Prozent Zinsen. Dabei gibt es für Bankkunden eine ganze Reihe günstigerer Alternativen, mit denen sich viel Geld sparen lässt.
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Kundeberatung bei einer Sparkasse: Bankkunden sollten auf keinen Fall dauerhaft im Dispo sein
Die fetten Jahre sind vorbei: Die Zeiten, in denen man es sich leisten konnte, nicht so genau auf seine Ausgaben zu achten, sind Vergangenheit. Denn zu schnell ist nach einem ausgiebigen Einkaufswochenende das Girokonto in den Miesen und der von dem Kreditinstitut eingeräumte Dispokredit wird in Anspruch genommen. Insbesondere zum Monatsende stopft der eine oder andere Bundesbürger gerne finanzielle Engpässe auf diesem Weg.
Doch ein Dispokredit ist die denkbar teuerste Variante, sich bei einem Kreditinstitut Geld zu leihen. Bis zu 14 Prozent Zinsen nehmen einige Banken für den Dispo selbst in historisch niedrigen Zinszeiten wie diesen. Wird das Konto über den Dispo-Rahmen hinaus überzogen, stellen die Kreditinstitute den Kunden sogar bis zu 18 Prozent Zinsen in Rechnung.
Für Verbraucher, die sich nur mit kleinen Summen über kurzfristige Engpässe hinweghelfen, seien die hohen Zinsen gerade noch zu ertragen, meint Stephan Kühnlenz, Finanzexperte der Stiftung Warentest. "Teuer wird es, wenn das Konto dauerhaft mit hohen Beträgen in den Miesen steht." Ein Beispiel: Steht das Girokonto jeweils zwei Wochen pro Monat mit durchschnittlich 600 Euro im Minus, fallen übers Jahr etwa 42 Euro an Zinszahlungen an.
Wenn schon Schulden machen, dann richtig. Das beginnt mit der Frage, ob überhaupt ein Kredit notwendig ist. Denn wenn noch Geld auf einem Tagesgeld- oder Sparkonto schlummert, sollte man lieber diese Reserve anknabbern als für hohe Zinsen kurzerhand sein Girokonto zu überziehen.
Abrufkredit
Ist das Konto ständig im Minus, kann ein so genannter Abrufkredit Entlastung bringen. Der ist oft nur halb so teuer wie der Dispokredit. So berechnet etwa die PSD Bank Hannover nur 6,08 Prozent Zinsen, die Allgemeine Beamten Kasse 6,95 Prozent, die ING-Diba 7,22 Prozent und die Sparda Bank West 7,25 Prozent. Abrufkredite funktionieren ähnlich wie der Dispo: Die Bank stellt auf Antrag einen flexiblen Kreditrahmen zur Verfügung, den man jederzeit in beliebiger Höhe in Anspruch nehmen kann. Die Kreditlinie liegt in der Regel zwischen 2500 und 25.000 Euro. Manche Banken, etwa die Commerzbank, räumen auch bis zu 40.000 Euro ein. Zinsen fallen nur für den tatsächlich in Anspruch genommenen Betrag an.
Die Höhe der Tilgung können Kunden in der Regel frei wählen. Manchen Banken genügt es sogar, wenn nur Zinsen gezahlt werden, andere fordern eine geringe monatliche Mindesttilgung. Die Tilgungshöhe liegt in diesen Fällen meistens zwischen ein und zwei Prozent der Kreditsumme. Die Commerzbank stellt mit drei Prozent oder 99 Euro eine etwas höhere Rückzahlungsforderung.
Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät bei Abrufkrediten allerdings zur Vorsicht. Wer nicht aufpasse, könne durch einen Abrufkredit leicht noch tiefer in die Schuldenfalle hineingeraten. Besonders wer neben dem Abrufkredit trotzdem weiter sein Girokonto überziehe und den Dispo in Anspruch nehme, könne schnell den Überblick verlieren, meinen die Finanzexperten bei der Verbraucherzentrale NRW. Wer sein Konto chronisch überzogen hat, sollte versuchen, einen Ratenkredit aufzunehmen, um das Konto aus den Miesen zu holen.
Ratenkredit
Der Ratenkredit ist noch günstiger als der Abrufkredit, allerdings weniger flexibel. Er ist für Menschen geeignet, die wissen, dass sie das Geld nicht so schnell wieder zurückzahlen können - und die mindestens 3000 Euro benötigen, denn darunter vergibt keine Bank einen solchen Kredit. Was man auch bedenken sollte: Die monatliche Belastung ist zunächst einmal höher als beim Dispo- oder Abrufkredit, weil zu den Zinszahlungen auch noch die vorher festgelegte Tilgungsrate kommt. Allerdings wird man so auch zu seinem Glück gezwungen und trägt den Schuldenberg Stück für Stück ab - beim Dispo- und Abrufkredit ist da deutlich mehr Selbstdisziplin gefragt.
Häufig weigern sich die Banken jedoch, den Dispo mit Hilfe eines Ratenkredits abzulösen. Kein Wunder - schließlich verzichten sie dann auf höhere Zinsen, die sie aus dem Dispokredit bekommen. Deshalb empfehlen Verbraucherschützer, es nicht bei der Hausbank, sondern bei einer anderen Bank zu versuchen. Häufig seien da die Konditionen auch günstiger. Die Zinshöhe beim Ratenkredit wird individuell von den Geldhäusern berechnet. Sie richtet sich nach Kriterien wie Bonität, Laufzeit und Kreditsumme. Wie genau die Banken die individuelle Zinshöhe ermitteln, ist jedoch nicht transparent. Doch einige Kreditinstitute bieten sogar bonitätsunabhängige Kredite. Und letztendlich hilft nur vergleichen – und schon deshalb sollte man nicht nur bei seiner Hausbank ein Angebot für einen Ratenkredit einholen.
Grundsätzlich sollten die betroffenen Verbraucher aber nicht nur ans Umschulden denken, rät Max Herbst, Chef der FMH-Finanzberatung aus Frankfurt. "Wer sich dauerhaft im Dispo bewegt, dem reicht sein Geld nicht." Daher müssten sich die Betroffenen einschränken und prüfen, wo sie sparen könnten. "Den Ärger über die hohen Dispozinsen sollte man nutzen, um seine Ausgaben genau unter die Lupe zu nehmen und Unnötiges zu streichen." Und letztendlich ist keine Geldanlage so lukrativ wie seine Kredite zu begleichen. Denn wer sein Konto im Minus hat und gleichzeitig viel Geld auf einem Tagesgeldkonto, verliert unnötig viel Geld. Denn während Anleger auf dem Tagesgeldkonto kaum mehr als zwei Prozent Zinsen bekommen, werden sie im Dispo mit bis zu 14 Prozent zur Kasse gebeten.